Aufruf der Gruppe [c²] gegen den „Tag der Heimat“ am 04 September in Wiesbaden.

Let’s do it here, let’s do it now: Den „Tag der Heimat“ kritisch begleiten!

Tag der Heimat – Schulterschluss extrem rechter Ideologien und etablierter Politik
Am 04. September 2011 soll im Biebricher Schloss in Wiesbaden der landesweite und zentrale „Tag der Heimat“ stattfinden. Der „Tag der Heimat“ in Wiesbaden wird vom hessischen Landesverband des „Bund der Vertriebenen“ (BdV) ausgerichtet. Der „Bund der Vertriebenen“ wurde 1957 durch die Fusion zweier Vertriebenenverbände ins Leben gerufen. Dabei umfasst er 16 Landesverbände und 20 sogenannte Landsmannschaften, welche jeweils ein ehemaliges deutsches Siedlungsgebiet repräsentieren sollen. Jährlich lädt der hessische Landesverband des BdV zum „Tag der Heimat“ ein, auf dem Grußworte verlesen, Reden gehalten und über die politische Arbeit im vergangenen Jahr bilanziert wird, wobei das passende, feierliche Rahmenprogramm nicht fehlen darf.
Es gilt den „Tag der Heimat“ in vielerlei Hinsicht nicht als harmloses Kaffekränzchen abzutun: Wenn darüber geredet wird, dass die deutschen „Vertriebenen“ genau so Opfer des deutschen Nationalsozialismus gewesen seien und eine angebliche „Vetreibung“ deutscher Siedler_Innen vollkommen entkontextualisiert mit anderen Vertreibungen aber auch mit Genoziden gleichgesetzt wird, dann ist das der gefährliche Versuch einer Verklärung der deutschen Geschichte.
Doch auch der jährlich stattfindende Schulterschluss mit etablierter Politik erscheint in Hinsicht auf eine Handlungsfähigkeit des BdV gefährlich. Denn nicht selten sind sogenannte „Spitzenpolitiker_Innen“ zu Gast wenn kollektiv „das Unrecht“ beklagt wird. 2009 sprach Roland Koch bezüglich des „Tag der Heimat“ von einer „gute[n] und gewachsene[n] Tradition“ sowie einer „gigantischen Integrationsleistung“ die der BdV, bezogen auf die hohe Zahl der „Heimatvertriebenen“ in Hessen, vollbracht habe. Das hessische Sozialministerium führt den „Tag der Heimat“ auch dieses Jahr wieder unter seinen Terminen – mit etablierter Politik ist also zu rechnen. Dies spricht einerseits für eine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit des BdV. Aber auch spricht es für die enorme Bedeutung des BdV sowie dessen Politikfähigkeit, trotz oder gerade wegen einer sich verändernden politischen Agenda: War man in den ersten 30 Jahren nach Entstehung des BdV noch darauf bedacht, das „verlorene“ Gebiet auf politischem Weg zurück zu fordern, beschränkt man sich heute auf Kulturpolitik und das Erringen politischer Handlungsfähigkeit. Ziel ist es, durch Forderungen nach dem Minderheitenstatus für in ehemaligen Siedlungsgebieten lebende Deutsche oder durch die Bewahrung angeblicher oder tatsächlicher deutscher Kultur, eine Autonomie für jene deutsche „Volksgruppen“ zu schaffen. Diese Autonomie würde eine Orientierung und somit einen informellen Anschluss der „Volksgruppen“ an Deutschland erleichtern, erscheint doch ein – von manchen Teilen des BdV zwar immer noch geforderter- Anschluss ehemaliger Gebiete mehr als unrealistisch. Dass diese Vorgehensweise im Interesse einer deutschen Außenpolitik geschieht, liegt auf der Hand: Der BRD ist es möglich, durch die Arbeit der „Vertriebenen“-Verbände ohne sich in die Innenpolitik anderer Länder einmischen zu müssen, Bevölkerungsanteile oder zumindest Einfluss auf die Innenpolitik anderer Länder zu gewinnen.
So hat die Bundesrepublik allein 2002 60.000 zuvor tschechischen Staatsbürger_Innen die deutsche Staatsbürgerschaft verliehen und zur Bundestagswahl aufgerufen – wie man Deutsche_r werden konnte, das konnte man in den zahlreichen Zeitungen der „Vertriebenen“ nachlesen. Hier schließt sich der Kreis zwischen „Vertriebenen“ und etablierter Politik.

Wie aus Täter_Innen Opfer wurden
Egal um welche Version der politischen Agenda des BdV es sich jedoch handelt: Grundlage hierfür ist immer ein revisionistischer, aus Täter_Innen Opfer machender, Umgang mit der Geschichte.
Dies lässt sich besonders am Beispiel der „Sudetendeutschen Landsmannschaft“(SL) festmachen.
So beginnt die Geschichtsschreibung der SL erst 1945 und die aggressive Außenpolitik Deutschlands gegenüber der tschechoslowakischen Republik, vorallem in den Jahren 1938-1945, wird reflexhaft und bewusst ausgeklammert. Es lohnt sich allerdings, genau diese zu betrachten um die Umsiedlung der Sudetendeutschen – eben kontextualisiert – verstehen zu können.
Die Tschechische Republik galt vielen Nationalsozialist_Innen als Dorn im Auge, vermutete man hinter ihr doch den verhassten Feind. Sie galt als jüdisch, definierte sie sich doch in Anlehnung an die französische Republik politisch und territorial – und nicht völkisch. Ein politischer Antisemitismus sowie faschistische Strömungen erschienen gesellschaftlich isoliert und die CSR bot Tausenden politischen Flüchtlingen aus Deutschland, die Aufgrund der Machtübernahme der Nazis fliehen mussten, Zuflucht.
Durch das jedoch am 29. September 1938 verabschiedete „Münchner Abkommen“ zwischen dem Deutschen Reich, Italien, Frankreich, und Großbritannien, das eine Anexion der Grenzgebiete, also eine etwa ein Fünftel des gesamten Staatsgebiet umfassende und 3.6 Millionen Menschen beheimatende Fläche, vorsah, wurde die Agitationsfähigkeit „der letzten antifaschistischen Demokratie in Europa“ (Erich Später) entscheidend geschwächt. Die Mehrheit der sogenannten Sudetendeutschen, jenem deutschsprachigen Teil der tschechoslowakischen Bevölkerung, begrüßte dies ausdrücklich.
Vor dem Terror der sich nun formierenden „sudetendeutschen“ Volksgemeinschaft in den annektierten Grenzgebieten, die nun endlich zum Deutschen Reich gehörte, flohen 25.000 Menschen in die verbliebenen Teile der CSR.
Doch dem Wahn der Deutschen, neuen Lebensraum zu erringen und weiterhin eine völkische Außenpolitik zu betreiben war durch die Anexion der Grenzgebiete längst kein Ende gesetzt:
Am 13. März 1939 marschierten endgültig deutsche Truppen, legitimiert durch die von NS-Propaganda erfundenen „Hilferufe […] terrorisierte[r] und unmenschlich verfolgte[r] Volksdeutsche[r] aus allen Teilen der Tschechei“, in Tschechien ein. Dass die vermeintlichen „Hilferufe“ jedoch frei erfunden und die Liquidierung des tschechoslowakischen Staates von langer Hand geplant war, beweist beispielsweise eine Denkschrift des Vorsitzenden des „Klub[s] der deutschen nationalsozialistischen Abgeordneten“ im Prager Parlament, Ernst Kundt, aus dem Oktober 1938:
„Dieser Raum muss in die außenpolitische und militärische Oberhoheit des großdeutschen Reiches gelangen, weil das deutsche Volk und sein Staat nur Herr in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sein kann, wenn es Herr über Böhmen ist […] [um] das zu erreichen, gibt es gegenber dem tschechischen Volk nur zwei Möglichkeiten: a) Beseitigung durch Ausrottung oder Aussiedlung, b) Einbau in das dritte Reich und die weltanschauliche Grundlage dieses Reiches.“
An jenem 13. März 1939 wurden die deutschen Truppen frenetisch von der „deutschen Minderheit“ empfangen. Diese Begeisterung der deutschen Minderheit für die Invasion deutscher Truppen schöpfte sich einerseits daraus, dass die übergroße Mehrheit der Sudetendeutschen überzeugte Nationalsozialist_Innen waren, was nicht nur die hohe Organisierungsdichte der später in die NSDAP übergegangenen Sudetendeutschen Partei (SDP) des Nationalsozialisten Konrad Henlein deutlich macht. Andererseits konnte man sich als Deutsche_r gewiß sein, auch materiell sowie gesellschaftlich vom NS profitieren zu können: Deutsche waren fortan Menschen erster Klasse, während Nicht-Deutsche mehr und mehr entrechtet wurden. Auch konnte enteigneter Besitz deportierter Jüdinnen und Juden „übernommen“ werden: Im Zuge der Germanisierung des Protektorats wurden so allein 16.000 Höfe enteignet.
Dass die in der Sudetendeutschen Landsmannschaft organisierten „Vertriebenen“ also keineswegs Nichtswissende, Unschuldige oder gar Opfer waren, lässt sich aber auch an einzelnen Karrieren der SL zeigen: Der ehemalige FDP-Bundestagsabgeordnete und Ehrenvorsitzende der SL, Siegfried Zoglmann, kommandierte beispielsweise die Hitler-Jugend Prags, als diese Jagd auf Jüdinnen und Juden in den Straßen Prags machte.
Die Wut derer, die Jahre lang unter dem Terror der germanischen Barbaren zu leiden hatten, ist also ebenso wie der Wunsch, nicht erneut mit diesen Zusammenleben zu müssen, nachzuvollziehen – es kam unmittelbar nach dem Ende des Krieges zu, wenn auch nicht so vielen wie vom BdV angegebenen, Vertreibungen.
Auch ist der auf der Potsdammer Konferenz gefasste Beschluss der Alliierten, nämlich die „Vertreibungen“ in gelenkte Bahnen zu leiten und die Täter_Innen umzusiedeln, zu verstehen. Dabei „spielten die Erfahrungen mit den staatszersetzenden Folgen der völkischen deutschen Außenpolitik eine Rolle. Die Funktionalisierung „deutscher Minderheiten“ im Ausland bis hin zu Anschlussforderungen sollten nach den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs ein für allemal unterbunden werden.“ (Jörg Kronauer)

Guido Knoppisierung der Geschichte oder „oral history“
Die noch so nachvollziehbare Empörung über den BdV sollte nun jedoch nicht zu dem altbekannten „Nazi! Nazi!“ Reflex führen, auch wenn dieser sicher auf einige Mitglieder zutreffen würde. In seiner Gesamtheit hat sich der BdV gesellschaftlich längst aus einer rechten Ecke manövriert, was nicht zuletzt der amtierenden Präsidentin Erika Steinbach zu verdanken ist. So streitet man nationalsozialistische Verbrechen nicht mehr ab, sondern gesteht diese vielmehr ein um im gleichen Atemzug erwähnen zu können, dass „die Verbrechen von Deutschen in der Hitlerzeit und im Protektorat [nicht] […] die von Tschechen in den Jahren 1945 und 46. [rechtfertigen]“ (Steinbach).
Gleichwohl wird eine kleine Clique an Verbrechern, ein nationalsozialistischer Inner Circle also, konstruiert, der für Vernichtungskrieg und völkischen Terror verantwortlich gewesen sein soll. Diese sollen die wahren Täter_Innen gewesen sein, wohingegen man selbst, als einfache_r Deutsche_r, bloß Opfer war: Zuerst Opfer der Nazis und dann der Alliierten. So spricht man sich in gewohnt schuldabweisender Manier, ohne sich dabei jedoch durch den Antifa-Sommer 2001 längst tabuisierten neonazistischen Argumentationsweisen – wie dem platten Leugnen oder Befürworten nationalsozialistischer Verbrechen – zu bedienen, frei von jedweder individuellen Verantwortung.
Dies erscheint als blanker Hohn, war doch nicht nur „die Leichtigkeit, mit der es [gelang], die politischen Feinde zu isolieren und auszuschalten, […] [ein] Indiz für die gesellschaftliche Mehrheitsfähigkeit und Attraktivität des radikalen Nationalismus“ (Erich Später). Oder anders: Der Nationalsozialismus war kein Projekt einiger weniger, sondern konnte sich vielmehr auf einen starken Rückhalt innerhalb der Bevölkerung, die selbst erst das reibungslose Funktionieren der nationalsozialistischen Mordmaschinerie garantierte, verlassen – und das auch in den Ostgebieten.
Wenn aber heute trotzdem davon gesprochen werden kann, dass doch irgendwie alle Opfer gewesen sein sollen, dann liegt das an einem sich vor allem in den letzten Jahren vollziehenden geschichtsdiskursiven Wandel: Die Methode der „oral history“, wie sie z.B. vom ZDF Haushistoriker Guido Knopp verwendet wird, vollzieht eine historische Reduktion sowie Verzerrung. Subjektive Geschichten, welche meist weder die historischen Bedingungen des Erlebten beurteilen noch vor ideologischer Beeinflussung bewahren können, werden anstelle von „seriösen“ historischen Fakten gesetzt. So kann es passieren, dass „Vertriebene“ sich als Opfer darstellen und sogar Recht behalten können, kann ihr subjektives Bewusstsein doch die Ursachen für die Umsiedlungen nicht reflektieren. Auch ist es so möglich, Opfer und Täter_Innen gleichberechtigt zu Wort kommen zu lassen, wobei die Täter_Innen ebenso zu Opfern werden: Als Indikator für erfahrenes Unrecht gilt dabei lediglich das Leiden an sich. Wer gelitten hat, der wird nun zum Opfer eines großen „Leidenszusammenhangs“, so die Bezeichnung für den zweiten Weltkrieg im Jargon der „oral hisory“. Dieser Leidenszusammenhang wird als ein europäischer, und nun überwundener, dargestellt und in eine Reihe von ähnichen Gewaltexzessen eingebettet. Die Schlussfolgerung muss daher lauten: „Irgendwie waren wir ja alle Opfer. Opfer einer, nun überwundenen, dunklen Zeit“. (Unsinn)

Grundlage II: Über Volk, Heimat und die Bedingungen der Volksgemeinschaft
Eine weitere Grundlage für die Politik der Vertriebenen ist deren Verständnis von Volk und Heimat, explizit: deren völkisches Denken. Völkisch meint hierbei die Konstruktion einer Volksgruppe, deren Mitgliedschaft durch Kategorien der Abstammung und der Blutsgemeinschaft ausgemacht wird. Das Recht, Teil einer Gemeinschaft zu sein erschließt sich nicht etwa politisch oder territorial, sondern erscheint letztlich als erbbares. Diese völkische Weltanschauung ist dabei einerseits die Grundlage diverser Rassismen, andererseits konträr zu einem universellen und kosmopolitischen Verständnis des Menschen: Zum einen verhindert das eigene Sein das Sein der anderen, völkisches Denken wirkt also zutiefst abwertend und exklusiv. Zum anderen gibt es im völkischen Denken keine politische Willensgemeinschaft, der Einzelne hat sich den Interessen des Kollektivs unterzuordnen. Desweiteren erscheint Kultur als biologisierte Eigenschaft der jeweiligen „Volksgruppe“ und nicht etwa als Ergebnis einer bestimmten Sozialisation oder gar gewißer Vorlieben des Einzelnen. In der Logik des Völkischen sind Staatsgrenzen demnach nicht zwangsläufig Grenzen der Völker, woraus die „Vertriebenen“-Verbände ihre Verantwortung für ihre Volksgenoss_Innen im Ausland ableiten.
Völkisches Denken fand seinen historischen Höhepunkt in der deutschen Volksgemeinschaft. Dabei gilt es die Bedingungen, die diese erst möglich machten, stets zu benennen: Es war die bürgerlich-kapitalistische Gesellschaftsform, die den NS hervorbrachte und immer noch hervorbringt. So ist der NS als Krisenlösungsmodell, als Antwort auf kapitalistische Krise zu verstehen: Die atomisierten und in Konkurrenz zueinander stehenden Subjekte verspüren vorallem in der Krise, sehen sie doch die eigene Reproduktionsfähigkeit mit der ihres Kollektivs fetischistisch verknüpft, das Bedürfnis nach einem starken und autoritären Staat, einem starken Kollektiv, das in den Weiten des Weltmarkts Sicherheit verspricht.

…and action!
Wenn es also zu einer öffentlichkeitswirksamen Verdrehung und Verzerrung der deutschen Geschichte zu Gunsten der eigentlichen Täter_Innen sowie zu einer Rekonfiguration nationaler Identität, die nun nicht „trotz sondern wegen Auschwitz“ vorhanden ist, kommt, fehlen wir ganz sicher nicht. Es ist schließlich ein guter Anlass, sich gegen die nationale Inszenierung der Geschichte, die letztendlich nur dem Standort und dem nationalen „Wir“ dient, zu wenden, aber auch, den tatsächlichen Opfern – Millionen von Jüdinnen und Juden, Sinti und Roma, politischen Opositionellen, sogenannten „Assozialen“ und anderen nicht in die deutsche Volksgemeinschaft passende Menschen – zu gedenken.
Da die Verhinderung dieses Events leider unrealistisch ist, gilt es dieses zumindest kritisch zu begleiten, und alles dafür zu tun, dass der Tag der Heimat nicht ungestört ablaufen kann!
Denn die Identitätsangebote von Staat, Volk und Nation kosten uns nur ein müdes Lächeln. Uns geht es vielmehr um die positive Aufhebung derer Verhältnisse, die den Nationalsozialismus überhaupt erst ermöglichen.

In diesem Sinne:
BdV auflösen!
Gegen Heimat, Volk und Geschichtsrevisionismus – Gegen den Tag der Heimat!

Gruppe [c²], Juli 2011